Statements

Expertenwissen zur Ermittlung des Pflegemehrbedarfs

Von Maria Penzlien, Hamburg, den 19.7.2018

Sehr häufig muss ich mich  im Auftrag der Landgerichte mich um die Ermittlung des behinderungsbedingten Pflegemehrbedarf kümmern . Dabei muss ich klären, welche Leistungen diesem Mehrbedarf zuzu ordnen sind und wie sich dieser von den Sozialgesetzen abgrenz u nabhängig davon, ob es sich um einen Behandlungsfehler oder ein traumatisierenes Unfallereignis handelt. Durch die Ermittlung des behinderungsbedingten Pflegemehrbedarfs soll ein Schadensersatz, Schmerzensgeld und weitere  zukünftige materielle Schäden erfasst und berechnet werden können. Zentraler Punkt für mich ist deshalb, den Pflegebedarf beschreiben, benennen, erfassen und begrenzen zu können.Deshalb ist es am allerwichtigsten, dass der Sachverständige die Pflege beschreiben, erfassen und begrenzen kann.

Welches Expertenwissen braucht der Sachverständige ?
Der Sachverständige können auf folgende Instrumente und Gedankengebäude zurückgreifen: Pflegephilosophie, Pflegemodelle, Pflegetheorien, Pflegediagnosen, Pflegeprozeßplanung, Nationale Expertenstandard der Pflege, Pflegekonzepte wie z.B. das Bobath-Konzept, Kinästhetik – Pflegekypernetik und verschiedene Pflegeassessment (Skalen zur Messung des Ausmaßes), die es der Pflege erlauben zu klassifizieren zu greifen und sie anwenden.

 Assessment – Instrumente

wie z.B. des Pflegemehrbedarf, der Mobilität, Sturz, der Ernährungssituation, Dekubitus, Schmerz, Angst und Verhalten bei Demenz.

Der Barthel-Index ist ein Verfahren zur systematischen Erfassung grundlegender Alltagsfunktionen. Dabei werden vom Arzt oder vom Pflegepersonal zehn unterschiedliche Tätigkeitsbereiche mit Punkten bewertet, zuerst bei der Aufnahme und später bei der Entlassung. Erfasst werden die Fähigkeiten bei folgenden Alltagstätigkeiten: Essen, Baden, Körperpflege, An- und Auskleiden, Urin- und Stuhlkontrolle, Toilettenbenutzung, Bett- bzw. Stuhltransfer, Mobilität und Treppensteigen.

Die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) ist eine Klassifikation, mit welcher der Zustand der funktionalen Gesundheit einer Person beschrieben werden kann. Insbesondere ermöglicht sie, das positive und negative funktionale Bild einer Person bei folgenden Punkten standardisiert zu erfassen:

  1. Funktionen und Strukturen des menschlichen Organismus,
  2. Tätigkeiten (Aktivitäten) aller Art einer Person und ihre Teilhabe an Lebensbereichen (z. B. Erwerbsleben, Erziehung/Bildung, Selbstversorgung) vor dem Hintergrund möglicher Förderfaktoren und Barrieren.

Beispiel: Eine Person gilt nach ICF als funktional gesund, wenn – vor ihrem gesamten Lebenshintergrund (Konzept der Kontextfaktoren) – ihre körperlichen Funktionen, einschließlich des geistigen und seelischen Bereichs, und ihre Kör­perstrukturen allgemein anerkannten (statistischen) Normen entsprechen (Konzepte der Körperfunktionen und -strukturen). Sie kann all das tun, was von einem Menschen ohne Gesundheitsproblem –Gesundheits­problem im Sinn der ICD – erwartet wird (Konzept der Aktivitäten), sie hat Zugang zu allen Lebensbereichen, die ihr wichtig sind, und sie kann sich in diesen Lebensbereichen in der Weise und dem Umfang entfalten, wie es von einem Menschen ohne Beeinträchtigung der Körperfunktionen/-strukturen oder der Aktivitäten erwartet wird (Konzept der Teilhabe an Lebensbereichen).

In diesem Zusammenhang spricht die WHO auch von Funktionsfähigkeit: Diese umfasst alle Aspekte der funktionalen Gesundheit.

Ein weiteres Beispiel:  Pflegetherapeutisch Aktivierende Pflege nach Bobath.

Bei diesem Konzept geht es u. a. um die Wahrnehmungsförderung beim Patienten. Beim Einkaufstraining etwa lernt der Geschädigte wieder, wie die einzelnen Lebensmittel heißen und wie sie auszusprechen sind (z. B. bei einer flüssigen Aphasie). Beim Krankheitsbild Neglect1 hilft ein Esstraining, wenn diese Fähigkeiten wegen eines Behandlungsfehlers verloren gegangen sind. Das Gehtraining auf unebener Straße gibt neue Sicherheit etc.

Wissenschaftliches Arbeiten

Sachverständige beherrschen die Grundlagen und Techniken wissenschaftlichen Arbeitens sowie des Vortrags. Sie können den Sachverhalt nach Aktenlage erschöpfend behandeln.

Sie kennen institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen in der Gesundheits- und Krankenpflege und haben ein umfassendes Wissen zum Sozialrecht und den sich daraus ergebenden Leistungen.

Hilfsmittel

Sachverständige überprüfen auch die Brauchbarkeit und den Nutzen von Hilfsmitteln. Ggf. vorhandene Versorgungsmängel können durch eine Begutachtung erfasst und gelöst werden. Die Kompetenz, die Kenntnis der Produktpalette und die Steuerung der Hilfsmittelversorgung durch die verordnenden Ärzte sind oft mangelhaft und für den Kostenträger nicht ausreichend begründet. Da der Hilfsmittelmarkt komplex, heterogen und in beständigem Wandel begriffen ist, bedarf es eines Experten, um ihn zu durchdringen. Eine Überversorgung mit Hilfsmitteln verursacht hohe Kosten. Sie ist wie die Fehl- und Unterversorgung dringend zu vermeiden, da durch sie Ressourcen vergeudet, Teilhabe-Chancen nicht ausgeschöpft und zugleich die Handlungsspielräume der Kostenträger eingeengt werden. Bei einer Begutachtung sollten die Sachverständigen auch erkunden, inwieweit im häuslichen Bereich umfeldverbessernde Maßnahmen gemäß § 40 SGB XI erforderlich sind und diese dann sinnvoll in die Pflegeversorgung integriert werden können.

Sachverständige würdigen auch die Leistungen der Pflegeperson bei der Behandlungspflege und sind in der Lage, professionelle Pflege zu organisieren.

Sie berücksichtigen die Teilhabe des Pflegebedürftigen am gesellschaftlichen Leben, dessen Hobbys, Gewohnheiten und Bedürfnisse der Freizeitgestaltung oder ggf. auch dessen Wiedereingliederung in eine berufliche Tätigkeit.

Daneben kennen sie die Vergütungssysteme für eine Laienpflegekraft und Pflegefachkraft sowie die Entgeltgruppen des öffentlichen Dienstes (TVöD) und können auch den Haushaltsführungsschaden bei Ausfall der haushaltsführenden Person berechnen.

 

1Beim Neglect handelt es sich um eine neurologische Störung der Aufmerksamkeit in Form der Vernachlässigung einer Raum- bzw. Körperhälfte (egozentrisch) und/oder Objekthälfte (http://flexikon.doccheck.com/de/Neglect)